[MuS-L] beyond modelling? ps. zum seminar

Andreas Schamanek schamane at fam.tuwien.ac.at
Sun Jun 23 23:46:53 CEST 2002


ich erlaube mir noch die eine oder andere anmerkung, in der hoffnung,
erklaeren zu koennen, wie ich karens email verstanden haben und was
ich mit meiner sicher auch nicht leichter zu verstehenden antwort
sagen wollte.

On Sat, 22 Jun 2002, Andreas Schamanek wrote:

> On Sat, 22 Jun 2002, Karen Kastenhofer wrote:
>
> > when god decided to invent
> > everything he took one
> > breath bigger than a circus tent
> > and everything began
> >
> > when man determined to destroy
> > himself he picked the was
> > of shall and finding only why
> > smashed it into because
> >
> > (e.e. cummings)

zur vorgeschichte: am freitag hatten wir die letzte einheit unseres
seminars fuer dieses semester. das weltmodell, soweit wir es fertig
hatten, wurde vorgestellt, erklaert und kritisiert.

die frage, warum wir ueberhaupt modelle bilden, stand im raum und das
weltmodell bot ein paar angriffspunkte, diese frage zu diskutieren.
doch die zeit war dafuer zu knapp.

> > ---traut sich darauf irgendwer einen antwort zu?

meine erste antwort darauf war ein 'nein.' dieses allein stehende nein
sollte auf den widerspruch hinweisen, den die frage 'traut sich jemand
antworten?' provoziert. denn wenn ich darauf mit 'nein' antworte, hab
ich dann geantwortet, oder habe ich nicht? und was war die aussage
meiner antwort?

modellbildung hat fuer mich wesentliche widerspruechliche eigen-
schaften. zum beispiel soll ein modell die abzubildende realitaet
moeglichst gut beschreiben. ein modell soll und darf aber nicht die
realitaet selbst werden (und vor allem sollten modelle nicht mit der
realitaet verwechselt werden). mehr noch: als modellbildnerInnen
muessen wir von anfang an darauf bedacht sein, unsere modelle so
einfach als moeglich zu gestalten.

> hoere mein lachen von hier bis ans ende der welt,
> das du uns hier zu verheiszen meinst.

das zitat von cummings wird von manchen (und ich schliesze mich dem
an) als ausdruck seines glaubens gesehen, dasz die menschheit ihren
niedergang nicht aufhalten wird koennen.

( siehe dazu ev. auch
http://www.cstone.net/~romie/cummings/when_god.html ; diese seite wird
leider nicht mehr aktuell gehalten, die seiten, auf die verwiesen
wird, finden sich zumeist nur noch im www-archiv
http://www.archive.org , so zum beispiel die folgenden 2
http://web.archive.org/web/19990129080648/www.people.virginia.edu/~jef3q/cummings.html
http://web.archive.org/web/19970606012325/http://www.imsa.edu/~junkee/cummings.html )

das ist aus sicht der modellbildung und simulation eine sehr ernste
frage, die insbesondere durch welt-modelle in der tradition von
forrester und meadows et al. geschuert wird. die ressourcen unserer
erde sind beschraenkt, und wir gehen gemeinhin davon aus, dasz bei der
gegenwaertigen geschwindigkeit der ausbeutung der nicht nachwachsenden
ressourcen das wachstum der bevoelkerung, der industrie und anderer
groeszen beschraenkt ist.

in diesem zusammenhang lesen und hoeren wir immer wieder von unter-
gangsszenarien, krisen und katastrophen. ich teile zwar die meinung
des club of rome, dasz das bevoelkerungswachstum beschraenkt ist, ich
setze dies aber nicht mit dem ende der menschheit, nicht mit dem
untergang der erde und auch nicht mit dem niedergang der menschheit
gleich.

mit meinem lachen, schlieszlich, moechte ich anmerken, dasz wir
menschen nur ein kleiner teil des oekosystems erde sind. mag sein,
dasz wir gefahr laufen, dieses oekosystem voellig zu zerstoeren.
abgesehen von meiner persoenlichen meinung hiezu will ich aber
festhalten, dasz modellbildung und simulation nicht in der lage sind,
darueber eine verlaeszliche aussage zu treffen.

ausgehend von diesem standpunkt (und mit ein wenig konstruktivismus
versehen) empfinde ich cummings zitat als schwarzmalerei, insofern
die werkzeuge modellbildung und simulation nicht dafuer herhalten
koennen, seine aussagen zu belegen.

> den widerspruch suche nicht bei anderen, du hast ihn schon gefunden.

in der zweiten strophe weiszt cummings auf die wurzeln unseres
schicksals hin: das festhalten an dem, was war, und der damit ver-
bundenen linearen kausalitaet (wo alles eine ursache und eine wirkung
hat) und unsere unfaehigkeit, mehr als ein 'sollte sein' von uns zu
geben.

hier setzt meine eigentliche kritik an: zum einen, weil die kriti-
sierte kausalitaet mit ihren eigenen mitteln kritisiert wird (zwar
versucht(e) cummings deutlich gegen bestehende regeln anzuschreiben,
letztlich bedient er sich derselben logik wie seine leserinnen und
leser). im falle der kritik an modellbildung und simulation ist es oft
aehnlich. dann wird zum beispiel modellen das wort geredet und zur
untermauerung werden (versteckte) modellannahmen herangezogen.

zum anderen, und dies nun scheint mir im zusammenhang mit unserem
seminar am wichtigsten, steckt fuer mich in cummings worten die
aussage, dasz (lineare) kausalitaet nicht zum ziel fuehren wuerde
(also hier, den niedergang der menschheit aufhalten koennte). und das
will ich auch nicht abstreiten.

doch ich verstehe diese anmerkung nicht, wenn sie als beitrag einer
kritischen auseinandersetzung mit unserem seminar gedacht ist. (aus
meiner bescheidenen sicht gesehen,) wenn modellbildung und simulation
fuer etwas besonders geeignet sind, dann in aller klarheit vor augen
zu fuehren, dasz kausalitaet (egal welcher form) nicht nur nicht zum
ziel fuehrt sondern schlichtweg mit zu den gefaehrlichsten werkzeugen
zaehlt, die die menschen hervorgebracht haben.

zeigen doch die einfachsten, und rein theoretischen modelle bereits,
wie schwierig es ist, in ein netzwerk von wirkungen steuernd einzu-
greifen. von konkreten modellen und dem rattenschwanz an problemen,
der ihnen anhaftet, ganz zu schweigen.


>   there him was in her mind full
>   fear, hope and reason threaded
>   together a place that was and
>   because of her will - be
>
>   there where no man can reach
>   shall truth be kept hidden
>   for only trust in the was
>   keeps what began at a living
>   life.

diese zeilen entstammen meinem eigenen, gelegentlich poetisch veran-
lagtem hirn. ich moechte sie gerne stehen lassen und nicht auch noch
bis ins detail zerpfluecken. (die kernaussage -- im hier diskutierten
zusammenhang -- geht wohl in die richtung, dasz vertrauen abseits von
wahrheit und kausalitaet ein leben lebenswert erhalten mag.)

> no need to stand with your lover on the ending earth-

der teil 'stand with your lover on the ending earth-' ist ein zitat
von cummings, das ich hier gewaehlt habe, um meine interpretation des
gedichtes zu unterstreichen. mit 'no need to' will ich darauf hinwei-
sen, dasz wir zwar dazu angehalten sind, uns mit nachhaltigkeit zu
befassen (danke, karen, fuer die interessanten links, siehe

   Linkname: [MuS-L] beyond modelling? nachhaltigkeitsdiskurs
        URL: http://www.ams.smc.univie.ac.at/pipermail/mus-l/2002-June/000119.html )

dasz ich aber nicht sehe, wie ich mich mit meinen naechsten auf das
ende der welt vorbereiten soll, ohne mich dabei des kausalen denkens
und eben auch der modellbildung und simulation zu bedienen. nett
gesagt. anders gesagt: mit meiner freundin weisz ich mir besseres als
lemminge-gehen-ins-wasser spielen.

> die modelle der modelle sind die deinen.

typischerweise sind die komplexen dynamischen modelle, mit denen wir
uns beschaeftigen, von einer komplexitaet, die unser eigenes ver-
staendnis uebersteigt, weshalb wir gezwungen sind, die modelle mit
anderen modellen (von modellen) zu erfassen, um eine parameterab-
schaetzung oder sensitivitaetsanalyse ueberhaupt erst angehen zu
koennen. das problem, dasz wir von modellen im grunde nur modelle
haben, bringt die schwierigkeiten der modellbildung auf den punkt.

und doch: wie wir damit umgehen, was wir daraus machen, bleibt uns
selbst ueberlassen. und das ist gut so.

-- 
-- Andreas






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